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Favoriten, Persönlichkeitsentwicklung

Frauen und Wut

Vom Nutzen eines starken Gefühls

„Feline, nicht so laut!“ Begeistert hat das kleine Mädchen, das mit mir im Bus sitzt, rote Autos gezählt. „Wieder rot“, schallt es alle paar Sekunden durch den Bus. Es stimmt. Alle, die halbwegs gesunde Ohren haben, können die Kleine gut verstehen. Erschrocken senkt sie ihre Stimme. Aber die Begeisterung für die roten Autos ist zu groß, weshalb ihre Stimme wieder ansteigt. Jetzt wird die Mutter energischer: „Schluss jetzt, Feline. Beruhige dich mal!“ Die Tonlage wird schärfer. Wäre ich Feline, würde ich jetzt wirklich ein paar Dezibel zurückfahren. Die Mutter wird deutlich streng und ich befürchte, es kann für Felines Begeisterung gleich sehr ungemütlich werden.

Ob die Mutter auch so reagiert hätte, wenn Feline ein Junge wäre? Wieso bin ich mir fast sicher, dass die Antwort darauf ein Nein ist?

„Das ist eine, die meint, sie darf wohl da sein.“ Mit diesem kryptischen Spruch aus meiner Kindheit wurde über Mädchen oder Frauen geurteilt, die man als eigentlich zu selbstbewusst empfand.

Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen. „Eine, die meint, sie darf wohl da sein.“

Als sei es ein Vergehen, dass man glaubt, Anspruch zu haben auf das eigene Leben.

Bei diesen Beispielen geht es noch gar nicht um Wut, sondern um Kraft und Präsenz.

Wenn alleine diese Lebensäußerungen für Frauen und Mädchen schon verdächtig sind, was glauben Sie, passiert mit dem stärkeren und meistens auch nicht als schön empfundenen Wut-Gefühl?

Wenn meine Mutter wütend war, konnte ich das als Heranwachsende an der Intensität spüren, mit der sie den Staubsauger bediente. Glitt er sanft über die Böden hinweg, war alles okay. Stieß meine Mutter ihn aber – und das war gar nicht mal selten – mit wuchtiger Kraft gegen die Scheuerleisten und sowieso gegen alle beliebigen Ecken und Kanten, wusste ich, dies ist nicht die Zeit für gut Kirschen essen.

Wut und Aggressionen: für die meisten Frauen immer noch ganz heiße Eisen.

Ich weiß noch, wie überrascht ich war, als ich erfuhr, dass das Wort „Aggression“ aus dem Lateinischen von „aggredi“ kommt. Aggredi bedeutet außer angreifen auch „sich nähern, auf etwas zugehen, in Angriff nehmen“. Dieses Wissen hat mir sehr geholfen, meine Aggression neu entdecken zu wollen.

Wie soll ich denn in meinem Leben vorankommen, wenn ich nicht auf etwas zugehe, mich aktiv auf etwas hinbewege und dann und wann die nötige Entschlossenheit an den Tag lege?

Nicht wenige Frauen erzählen, dass sie kaum Wut verspüren.

Kann das sein?

Meine eigene Geschichte zeigt, ja, das kann sein. Ich habe lange gebraucht, meine Wut wieder aus den tiefen Schichten hervor zu holen, in die ich sie über die Jahre verbannt hatte.

Das Gefühl, was mich hauptsächlich begleitet hat, war Trauer. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen ungelebter Wut und Traurigkeit.

Traurigkeit ist dabei immerhin noch ein Gefühl, das in Bewegung ist. Wenn aber Traurigkeit zum Lebensgefühl wird und nicht mehr eine Reaktion auf Trennung, Verlust oder Schmerz ist, liegt die Annahme nahe, dass dahinter viel Wut ist, die sich nicht zeigen darf.

Und dann kann es passieren, dass auch die Traurigkeit noch gerinnt und zu einer Depression erstarrt.

Um nicht missverstanden zu werden: Es ist in unserer Gesellschaft sowohl für Männer als auch für Frauen nicht üblich, Wut und Aggression auf angemessene Weise Ausdruck zu verleihen.

Weder der cholerische Chef noch der lautstark dauerhupende Autofahrer mit wutverzerrtem Gesicht taugen ernsthaft als Vorbilder in dieser Hinsicht.

Aus unseren immer noch starren Rollenzuschreibungen resultieren lediglich verschiedene Schwierigkeiten beim Ausdrücken von Wut.

Immer noch müssen Frauen mit Zuschreibungen leben wie „passiv, empfangend, verbindend, sanft, gebend, nährend und so weiter und so fort“. Oder es heißt: „Frauen sind von der Venus und Männer vom Mars.“ Womit natürlich gesagt werden soll: Frauen sorgen für die Liebe (Liebesgöttin Venus) und Männer für den Kampf (Kriegsgott Mars). Diese Jahrtausende alte Prägung hinterlässt selbstverständlich ihre Spuren.

„Die wäre mal besser ein Junge geworden“, heißt es dann auch in unserer Zeit noch allzu oft über sehr aktive Mädchen.

Wütende Frauen gelten gerne als Furien.

Der Begriff stammt aus der römischen Mythologie und bezeichnet wütende zornige Rachegöttinnen. Das ist interessant, denn Wut als vitales Gefühl hat erst einmal nicht zwangsläufig mit Rache zu tun, sondern damit, sich klar und deutlich zu einem hinter der Wut liegenden Bedürfnis zu bekennen, das bewusst oder unbewusst missachtet worden ist.

Sich an jemandem rächen zu wollen entsteht im Gegenteil oft aus dem Gefühl der Ohnmacht und der Machtlosigkeit. Wut zu äußern ist dagegen ein Weg aus Machtlosigkeit und Ohnmacht heraus.

„Bist du mit dem Ergebnis unseres Brainstormings zufrieden?“, fragt mich eine Geschäftspartnerin.

„Ja“, sage ich.

„Ich weiß nicht“, sagt sie. „Ich bin, wie du weißt, sehr feinfühlig und habe das Gefühl, da ist noch was, was du nicht sagst.“

Wut ist eine intensive Empfindung. Ich spüre sie vorwiegend im unteren Bauchbereich als Wärme oder Hitze. Mein Puls beschleunigt sich, meine Atmung wird schneller und flacher…Ich fühle mich wie ein Vulkan vor dem Ausbruch.

Und so ist es auch.

Hier stimmt etwas für mich ganz und gar nicht.

Hinter meiner Wut steckt ein elementares Bedürfnis, das missachtet wird.

In diesem Fall ist es sowohl das Bedürfnis, ernst genommen zu werden als auch das Bedürfnis, dass bestimmte Grenzen in einer Geschäftsbeziehung gewahrt bleiben.

Ich atme tief ein und aus. „Bitte lass es bleiben das, was ich sage, anzuzweifeln“, sage ich.

Als wir uns kurz darauf voneinander verabschieden, sieht man hinter unser beider Lächeln mit Sicherheit noch die gefletschten Zähne.

Lange Zeit habe ich in vergleichbaren Situationen diesen Vulkan unterdrückt. Manchmal hat das nicht funktioniert und ich bin laut geworden. Und wenn ich alle paar Jahrzehnte einmal explodierte, habe ich alle Höflichkeiten vergessen. Ziemlich schnell eskalierte dann die Situation und beide Beteiligten übertönen sich gegenseitig.

Meistens aber habe ich geschwiegen. Einem lieben Frieden zuliebe, den ich gar nicht empfunden habe.

Laute Frauen sind gesellschaftlich ebenso wenig akzeptiert wie wütende Frauen.

Aus meiner Sicht hat es deshalb etwas, wenn Frauen sich trauen, laut zu sein und womöglich sogar Kraftausdrücke zu benutzen.

Von einem konstruktiven Umgang mit Wut und Aggression kann allerdings auch hierbei nicht die Rede sein.

Und selbstverständlich tun sich Frauen keinen Gefallen damit, ihren Ruf zu verspielen und unangenehm aufzufallen, weil sie bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit mit ihrer Wut experimentieren.

Den Umgang mit Wut kann man lernen. Wir müssen herum probieren, experimentieren. Im geschützten Rahmen und mit aller Behutsamkeit für uns selbst und dem enormen Potential, das viel zu oft viel zu tief in uns vergraben liegt.

Als Sie laufen gelernt haben, sind Sie da etwa nicht ständig hingefallen? Doch. So lange, bis Sie es konnten. Man kann sagen, Sie sind zunächst mehr hingefallen als dass Sie geradeaus gelaufen sind.

Genauso ist es, wenn wir uns unsere Wut und unsere Aggression wieder aneignen. Wir können gar nicht auf Anhieb das richtige Maß finden.

Wut ist ein menschliches Gefühl. Es macht uns aufmerksam auf ganz und gar vitale Bedürfnisse, auf eine große lebendige Kraft in uns. Unsere Lebenskraft schlechthin.

Und vergessen Sie nicht: Brave Mädchen kommen in den Himmel. Böse Mädchen kommen überall hin.

 

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Astrologin und Autorin Ilona Clemens

Ilona Clemens

Astrologin, Autorin & Transformations-Expertin

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